Ein Gespenst geht um auf LinkedIn. Das Gespenst der künstlichen Intelligenz.

6/10/20263 min read

Und ZACK (!) da ist es schon wieder passiert: ein LinkedIn-Beitrag wie ein Vorschlaghammer. KI-Revolution, AI-Disruption, Generative Irgendwas, das Ende der Arbeitswelt wie wir sie kennen und noch schlimmer. Der Ton, der immergleiche: KI ist gekommen, um zu bleiben. KI schafft uns neue Möglichkeiten. Wir müssen lernen, MIT der KI zu leben. Was sich liest, als hätte die KI es selbst geschrieben – gut, wäre ich eine KI, würde ich auch sagen, dass wir lernen müssen, mit mir zu leben –, entpuppt sich oft als Mantra der Ratlosigkeit. Welche Jobs überleben die nächsten Jahre? Wie verändert sich unsere Arbeit? Und wie verhindern wir, dass auch das nächste gestrandete Tier sofort einen KI-Song spendiert bekommt?

Als ich 2013 mein Grafikdesign-Studium begonnen habe, hatte ich einen Professor, der sich fürchterlich über die vielen neuen Photoshop-Features aufgeregt hat. Zu einfach, zu wenig Handwerk, das könne ja bald jeder. Und dann? Naja, dann konnte es bald jeder. Mein Professor hat den Untergang prophezeit, und vielleicht hatte er recht. Denn als jeder Photoshop konnte, sah plötzlich alles aus wie Photoshop und gestandene Agenturen mussten mit jungen Freelancern konkurrieren. GarageBand hat dasselbe mit der Popmusik gemacht, immer günstigere Kameras – mit mehr Hintergrundunschärfe als ein ganzer Til-Schweiger-Film – mit dem Videoformat.

Zwölf Jahre später ist mein LinkedIn-Feed voll mit KI-generierten Videos. Fast jede zweite Ad auf TikTok oder Instagram wurde mit einer KI erstellt. Technisch makellos, die Stimmen wirken erstaunlich echt, die Poren so sauber, dass ich sofort nach Korean Skincare googeln möchte und vermutlich direkt bei der nächsten KI-Ad landen würde.

Und trotzdem ist irgendwas off, irgendwas nerviger als die Aufforderung, LinkedIn Premium zu buchen. Irgendwas sagt mir, ich würde lieber den Nachbarsjungen verkleiden, das Ganze mit einer selbstgebastelten Lochkamera filmen und den Ton mit einem Kartoffelmikrofon aufnehmen, als mir noch eines dieser seelenlosen Videos anzuschauen. Das Ergebnis wäre ungleich schlechter, aber jede Sekunde lebendiger.

Steile These: In ein paar Monaten kann jeder prompten, als wäre er Sternzeichen Gemini, als wäre er bei Sam Altman persönlich im VHS-Kurs „KI-Kompetenzen erweitern" gewesen. Vom Spitzen-CEO bis zum Praktikanten im Malerbetrieb, dein Onkel, der bei WhatsApp nur mit Emojis antwortet, deine Cousine, die erst vor zwei Wochen ihr erstes Handy bekommen hat. Und dann wird alles gleich klingen, gleich aussehen, gleich schmecken. Dann hilft uns vielleicht nur noch die Bilanz der Tech-Giganten, denen auffällt, dass sie mit all dem mehr Kohle verbrannt haben als RWE. Wissen Sie? Wegen Kohle. Naja, versteht mich nicht falsch: Ich nutze KI. Vielleicht sogar täglich. Strukturarbeit, Recherche, Gedanken sortieren oder Rechrtschrbfehler korrigieren – großartig, gerne mehr davon, ich habe diese Aufgaben nie geliebt. Aber zwischen „KI nimmt mir ungeliebte Arbeit ab" und „dieses Kinderbuch habe ich komplett mit KI geschrieben!“ liegt ungefähr dieselbe Distanz wie zwischen der FDP und dem deutschen Bundestag. Nicht jeder KI-Inhalt, der erstellt werden KANN, MUSS auch erstellt werden.

Deshalb glaube ich: Wir brauchen kreative Menschen nicht trotz KI mehr denn je, sondern wegen ihr. Wenn alle Zugriff auf denselben Brei haben, wird der Mensch unbezahlbar, der dem Ganzen wenigstens ein bisschen Leben einhaucht. Der weiß, wann man die Lochkamera nimmt und wann nicht. Und das sage ich nicht aus Angst um meinen Job, sondern weil ich überzeugt bin, dass Menschen andere Menschen brauchen, um Gefühle und Geschichten zu verstehen.

Aber vielleicht sehe ich das auch alles zu eng. Vielleicht engagiere ich demnächst einfach eine KI, die mir abnimmt, am Wochenende mit Freunden ins Kino zu gehen, mit meiner Frau auf dem Sofa ein Glas Wein zu trinken und mit dem Hund an den See zu fahren. Dann hätte ich endlich mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben: Geile neue LinkedIn-Beiträge zu prompten. Bis dahin.